„Wir brauchen neue Formen der Kooperation“

Prof. Dr. Martina Schraudner leitet das Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) und ist im Vorstand der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e. V. Als Biologin und Biotechnologin entwickelt sie Methoden, Instrumente und Prozesse für einen dialogorientierten Forschungstransfer in Gesellschaft, Unternehmen und Politik.

Dieses Bild zeigt ein Portraitfoto von Prof. Dr. Martina Schraudner.

Prof. Dr. Martina Schraudner

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Welche Chancen bietet eine Öffnung des Innovationsprozesses?

Nach bisherigem Verständnis entstehen Innovationen aus dem Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft. Nun ist ein neuer Akteur auf den Plan getreten, die Gesellschaft. Die Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern bietet unglaubliche Chancen für alle Beteiligten: Potenzielle Nutzerinnen und Nutzer von Produkten können früh einbringen, was ihnen wichtig ist, können Schwerpunkte ihrer Wertvorstellungen setzen, zum Beispiel ökologisch, sozial, gerecht. Die Wissenschaft erhält damit Leitplanken bei der Entwicklung neuer Technologien, und die Unternehmen erschließen sich neue Bedarfsgruppen und Märkte.

Können Sie das erläutern?

Man kann ein Thema aus der Wissenschaft oder aus dem Unternehmen heraus entwickeln. Ich kann aber auch mit den Bürgerinnen und Bürgern sprechen, um zu erfahren, welche Wünsche und Bedarfe dort bestehen. Potenzielle Nutzerinnen und Nutzer eines Schuhs denken möglicherweise nicht nur an die Weiterentwicklung des Produkts. Vielleicht brauchen sie etwas ganz anderes als einen Schuh, um sich fortzubewegen. Eltern hätten gerne einen anderen Gehwegbelag, auf dem sich Kinder nicht so verletzen. Das wäre auch gut für Radfahrer und ältere Menschen. Oder es geht mehr um Prävention beim Laufen. Daraus können ganz neue Geschäftsmodelle entstehen, auf die die Unternehmen von alleine nicht kommen.

Was muss passieren, damit ein Forschungssystem diese Chance nutzen kann?

Wir brauchen ganz neue Formen der Kooperation. Aus Innovationsprozessen müssen sich Innovationsökosysteme entwickeln. Dabei geht es um ein besseres Zusammenspiel der Akteure: Welche Regeln brauche ich, damit die Zusammenarbeit gelingt? Wie kann ich mit klugen Ansätzen relevante Gruppen identifizieren? Wie kann ich mit potenziellen Nutzern und Nichtnutzern arbeiten, um Ideen, Wünsche und Bedarfe zu entwickeln?

Im Projekt Open Transfer haben Sie bestehende Forschungskooperationen in verschiedenen Branchen untersucht. Was war das Ergebnis?

Der Dialog zwischen den Gruppen muss viel früher als bislang stattfinden. Da kommt oft die Aussage: Wie soll man mit jemandem über ein Thema sprechen, der kaum etwas darüber weiß? Auf der anderen Seite kann ich aber zu einem frühen Zeitpunkt relativ viel mitgestalten. Um dieses Problem zu lösen, braucht es neue Ansätze, für die wir mit Open Transfer und mit Shaping Future, einem anderen BMBF-geförderten Projekt, Ideen entwickelt haben.

Mit welchen Methoden kommt man da weiter?

Im Kern geht es um das Thema Transfer. Der Transfer von Wissen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft in die jeweils anderen Bereiche muss noch viel zentraler in Kooperationsformate hineingedacht werden. Ein ernst gemeinter Austausch über die Bereiche hinweg, und das mit neuen Formaten, würde einen echten Fortschritt bringen. Erste Ansätze gibt es bereits, aber da muss noch mehr passieren, auch in der Forschung.