„Die Nachtigall singt wie gedruckt“

„Forschungsfall Nachtigall“ ist eins von 13 Bürgerforschungsprojekten, die das BMBF seit 2017 fördert. Im Interview äußert sich Projektleiterin Silke Voigt-Heucke über das Ziel des Projekts und erklärt, warum die Mitwirkung engagierter Bürgerinnen und Bürger dabei so wichtig ist.

Diese Bild zeigt ein Portraitfoto von Silke Voigt-Heucke.

Silke Voigt-Heucke

Solveig Schiebel

Warum befassen Sie sich in Ihrem Forschungsprojekt ausgerechnet mit der Nachtigall?

Die Nachtigall ist aus wissenschaftlicher Sicht spannend, weil sie ein großes Strophenrepertoire hat. Wir vermuten, dass die Nachtigall in Dialekten singt. In Berlin gibt es 900 unterschiedliche Gesangsstrophen. Aus diesem Pool stellt jedes Männchen ein individuelles Repertoire zusammen, im Schnitt ist es 190 Strophen groß. Das Schöne ist, dass diese Strophen sehr gut zu analysieren sind. Die Nachtigall singt wie gedruckt, daher ist sie für die Bürgerforschung auch so gut geeignet.

Warum ist die Unterstützung durch Bürgerinnen und Bürger bei dem Projekt so wichtig?

Man kann nicht mit dem bloßen Ohr hören, ob es beim Gesang der Nachtigall regionale Unterschiede gibt. Ist das „Best of“ der Strophen in Berlin anders als in Heidelberg? Um das zu untersuchen, brauchen wir viele Aufnahmen. Da kommt die Bürgerforschung ins Spiel: Sie bietet eine tolle Möglichkeit, mit vielen Leuten gleichzeitig Daten zu sammeln.

Wie helfen Ihnen Bürgerinnen und Bürger beim Datensammeln?

Wir arbeiten mit einer App namens „Naturblick“. Darüber kann man Nachtigallgesänge aufnehmen und sich auch bestimmen lassen. Die App ist inzwischen über 80.000 Mal heruntergeladen worden in ganz Deutschland. In dieser Saison haben 1.100 Nutzer der App 2.249 Aufnahmen mit uns geteilt. Davon waren rund 1.720 qualitativ gute Nachtigallgesangsaufnahmen, die für weitere Analysen im Projekt verwendet werden können.

Was passiert mit den Daten?

Die Gesangsaufnahmen haben einen Zeitstempel und einen geografischen Stempel. Damit wissen wir genau, wo die Nachtigall gesungen hat. Wir bekommen dadurch eine Verbreitung des Nachtigallgesangs für den deutschsprachigen Raum, die auf unserer Webseite auf einer Karte abgebildet ist. Der nächste Schritt wird sein, dass wir die Gesänge gemeinsam mit unseren Bürgerforschenden nach Strophentypen sortieren und geografisch verorten. Damit wollen wir den ersten öffentlich zugänglichen Gesamtstrophenkatalog einer Vogelart etablieren.

Welchen praktischen Nutzen könnten die Ergebnisse des Projekts haben?

Wir wollen das Ergebnis unseres Bürgerforschungsprojekts in den Kontext stellen: Wie gut sind unsere Daten im Vergleich zum standardisierten Brutvogelmonitoring und zu Datenplattformen, wo semiprofessionelle Ornithologen Daten melden? Sind sie vielleicht sogar besser für manche Gebiete, wenn viele Leute mitgemacht haben?

Sie verfolgen auch einen kulturwissenschaftlichen Ansatz. Worum geht es dabei?

Die Nachtigall ist in unserer Kultur tief verankert. Viele haben Erinnerungen zur Nachtigall, verbinden sie mit romantischen oder lustigen Erlebnissen. Das Spannende ist, dass mit ihr so unterschiedliche Emotionen verbunden sind. Viele finden die Nachtigall großartig, andere sind genervt, weil sie nachts um zwei vorm Fenster singt. Manche empfinden den Gesang als fröhlich, andere als melancholisch. Wir sind dabei, Anekdoten zu sammeln, um zu erfahren, inwiefern die Menschen die Nachtigall als Erinnerung mit sich tragen. Das wollen wir mit einer Meinungsumfrage auch noch quantitativ untersuchen.